Fluglehrerausbildung

Der eine hat hunderte von Stunden Flugerfahrung, der andere fliegt beruflich sogar eine 737 oder einen A320 und jetzt möchten sie Fluglehrer werden.

Ja, mein Gott, die werden doch nun wirklich fliegen können – und als First Officer auch vom rechten Sitz aus.

Gut, bei denjenigen, die ihre Brötchen bei Lufthansens und Co verdienen, kann man einwenden, eine 737 ist keine C152. Aber in der Ausbildung hat man sicher schon einen Flieger dieser Kategorie geflogen und in der Freizeit wahrscheinlich auch.

Was soll man denen denn eigentlich beibringen?

Oh, da gibt es eine ganze Menge!

Aus eigener – oft leidvoller Erfahrung – wissen wohl die meisten von uns, dass ein guter Mathematiker nicht unbedingt ein guter Mathelehrer sein muss.

Solide Kenntnisse in Pädagogik könnten das Problem mildern. So auch in der Fliegerei. Da sind immerhin 125 Stunden Theorie verlangt, von denen ein großer Teil in eine ausführliche Vor- und Nachbesprechung der einzelnen Flugübungen gepackt ist.

Dazu eine Kostprobe aus der Fluglehrerausbildung:

Man erfährt z. B. etwas über den Perseveranzeffekt. Bitte was? Noch nie gehört. Und was soll der bitteschön mit dem Fliegen zu tun haben?

Der hat sogar auf eine ganz und gar unerfreuliche Art mit dem Fliegen zu tun, insbesondere bei Landung mit Seitenwind.

Stellen wir uns einmal folgende Situation vor:

C152 im Endanflug, Wind von links. Kaum ist die Maschine auf der Bahn, bricht sie nach links aus.

Was macht JEDER Flugschüler – und unter Stress auch viele garnicht so unerfahrene Piloten? – Querruder rechts!

Wenn jetzt der Fluglehrer nicht blitzartig reagiert, kann das Ergebnis im schlimmsten Fall ein Totalschaden sein.

Querruder rechts bedeutet, dass das linke Ruder nach unten, das rechte nach oben ausschlägt und damit die dem Wind zugewandte Fläche angehoben wird.

Das Resultat kennt jedes Kind, das schon mal Dreirad gefahren ist. Das Flugzeug (Dreirad) kippt über das vordere und rechte Rad nach rechts.

Beim Dreirad ist dann im Allgemeinen noch alles funktionstüchtig. Beim Flieger sieht es etwas anders aus: Propeller ruiniert, Motor Shock loading, rechte Fläche beschädigt, Cowling sieht auch nicht mehr so gut aus und als Krönung ist auch noch das Bugrad weggeknickt. Der Schaden liegt auf jeden Fall im fünfstelligen Bereich.

Jetzt weiß doch jeder Pilot – und auch jeder Flugschüler bekommt es in Theorie und Praxis erklärt – dass man bei Ausbrechtendenzen das Querruder „in den Wind“ ausschlägt, um die luvseitige Fläche unten zu halten.

Ja warum machen sie es dann nicht? Nun, hier kommt der Perseveranzeffekt zum tragen.

In der Regel lernt man das Autofahren vor dem Fliegen. Was ist die instinktive Reaktion eines Autofahrers, wenn das Fahrzeug nach links ausbricht? Er lenkt nach rechts.

Da haben wir den Grund. Diese doch recht tief verwurzelte Reaktion läßt sich nur schwer unterdrücken. Und es ist nicht ungewöhnlich, dass selbst bei erfahrenen Piloten solche Verhaltensweisen unter hoher Anspannung hervorbrechen können.

Das wäre also dieser seltsame Perseveranzeffekt.

Wesentlich harmloser tritt dieser Effekt beim Abrollen von der Bahn auf. Gehts linksrum, wird das Querruder links ausgeschlagen. „Autofahren“ nennt man das.

Eben diese und viele anderen Verhaltensweisen (die natürlich nur zu einem Teil dem beschriebenen Perseveranzeffekt zuzuschreiben sind) stehen u. a. im Fokus der Fluglehrerausbildung.

Kommen wir auf unsere Frage zurück, „was soll man denen denn eigentlich beibringen?“.

Ich denke, das haben wir jetzt ein Stück weit geklärt. Also, ein Flugzeug fliegen zu können, das ist es jedenfalls nicht.

Hermann Arend


Badisch-Pfälzischer Flugsportverein e. V. Est. since 1926